Überraschend zahm, ich weiß. Aber es ist eben ein vorsichtiges Geständnis.Nadelstiche in schwarzem Stoff
Wenn Sterne am Nachthimmel wie Nadelstiche durch einen schwarzen Stoff betrachtet werden, dann ist unsere Sonne nur ein Loch in diesem Stoff. Und alles passt durch dieses zunächst so winzig scheinende Loch, denn je näher man ihm kommt, desto größer wird es.Durch dieses Loch strahlt ein in den Augen brennendes, grelles, heißes Licht. Eine Verheißung von Veränderung, hervorgerufen durch den Blick hinter die Kulisse unserer Welt. Hinter den schweren und dichten Theatervorhang aus unbewegtem Stoff. Doch im Gegensatz zum Theater nebenan wird dieser Vorhang nie zurückgezogen, egal wie lang wir in unseren Stühlen sitzen.Vielleicht kommt es aber - wie so oft - nur auf die Perspektive an, vielleicht sind wir schon auf der Bühne, der Bühne unseres Lebens, und auf der anderen Seite sitzt jemand in einem gemütlichen rotgepolsterten Stuhl, trinkt eine Cola und schaut uns zu, gelangweilt von den ewig gleichen Eskapaden, die wir uns Tag für Tag leisten. Vielleicht schaut er schon gar nicht mehr hin, ist aufgestanden und aufs Klo gegangen oder kauft sich gerade Popcorn. Vielleicht merken wir ja, wann er hinschaut und wann nicht. Und das ist es, was wir als Tag und Nacht wahrnehmen. Sein schwenkender Blick, die wandernde Aufmerksamkeit, rhythmisch auf unser Dasein hinab.Was passiert, wenn er nicht hinsieht, ist es dann egal, was wir tun? Endet unsere Rolle oder haben wir nur Pause? Haben wir einen Freibrief? Und was passiert, wenn er nie wieder hinschaut? Wir ewig Nacht haben? Unsere Wärmequelle würde Hand in Hand damit versiegen und in der ewigen Nacht käme Kälte. Wir bleiben dann zurück und wissen nichts mehr mit uns anzufangen.Einige werden sich sicher an der Erinnerung wärmen und dann am Rande des großen Vergessens zusammengekauert erfrieren. Einsam, selbst wenn an einander gekuschelt, für immer Nähe suchend, Aufmerksamkeit. Und es gibt andere, jene die nach vorne schauen werden.Zu diesen gehöre ich, wir werden uns aufmachen ins Unbekannte. Wir werden uns an dem Vorhang entlang ziehen, nach oben hangeln oder abseilen. Einen Weg darum herum suchen, oder versuchen, mittenhindurch zu dringen. Hindurch durch die Fasern der Trennwand. Schicht um Schicht, Strick um Strick, Faden um Faden, Faser um Faser und notfalls auch Molekül um Molekül. Ewig tiefer bohrend kleiner werden und immer in der Gefahr sein, an dieser unserer eigenen grundlegenden Grenze zu Grunde zu gehen.Doch ich werde einen anderen Weg suchen. Ich werde mich aufmachen zu jenen fernen Nadelstichen. Immer weiter in die Unendlichkeit. Und wenn ich auch dort auf ein Ende stoße, dann werde ich mich in der Nähe dieses Löchleins niederlassen, nur dass es dann schon ein Loch sein wird für mich, so unermesslich groß wie unser altes. Dort werde ich warten bis die Aufmerksamkeit mich streift und in diesem kurzen Moment, einem Bruchteil eines Lichtblitzes, werde ich tanzen, aber nicht für mich, auf dass es wieder Tag wird - für mich.
Leid gebiert in Qual Worte aller Wahl; doch alles, was so sprießt und fließt, nur dem gefällt, der auch genießt.
Montag, 13. Juni 2011
Nadelstiche in schwarzem Stoff (elmo)
Hier von mir ein recht neuer Text, über die dringede Notwendigkeit eines Auditoriums, und darüber, was man bereit ist für diese Aufmerksamkeit zu tun.
Stilles Wasser (WuRscHtBr0T)
Hier eines meiner alten Gedichte:
Stilles Wasser
Ich ruhe –
Gefangen im Schlund der Natur
Und warte auf die Begegnung.
Ich werde getragen von irdischer Kraft,
Mein Wesen erfrischt die Bewegung.
Ich suche -
Im finsteren Walde den Weg,
Den einst ich empor gekommen.
Der stinkende Boden legt Hürden dahin,
Die Kraft meinem Atem entnommen.
Ich stürze -
Dem Fall überlassen im höchsten Moment,
Mit wütendem Brechen und Tosen.
Ein winziger Lufthauch weht mich dahin
Und führt mich zu welkenden Rosen.
Ich zürne -
Die Welt schnürt die Kehle mir zu.
Sie kennt weder Recht noch Erbarmen.
Ein bebender Schrei, ein letzter Versuch -
Erstickt. Vergessen. Begraben.
Ich ruhe -
Gefangen im Schlund der Natur
Und warte auf die Begegnung.
Ich werde getragen von irdischer Kraft,
Mein Wesen schläft still ohne Regung.
Stilles Wasser
Ich ruhe –
Gefangen im Schlund der Natur
Und warte auf die Begegnung.
Ich werde getragen von irdischer Kraft,
Mein Wesen erfrischt die Bewegung.
Ich suche -
Im finsteren Walde den Weg,
Den einst ich empor gekommen.
Der stinkende Boden legt Hürden dahin,
Die Kraft meinem Atem entnommen.
Ich stürze -
Dem Fall überlassen im höchsten Moment,
Mit wütendem Brechen und Tosen.
Ein winziger Lufthauch weht mich dahin
Und führt mich zu welkenden Rosen.
Ich zürne -
Die Welt schnürt die Kehle mir zu.
Sie kennt weder Recht noch Erbarmen.
Ein bebender Schrei, ein letzter Versuch -
Erstickt. Vergessen. Begraben.
Ich ruhe -
Gefangen im Schlund der Natur
Und warte auf die Begegnung.
Ich werde getragen von irdischer Kraft,
Mein Wesen schläft still ohne Regung.
Freitag, 10. Juni 2011
To Hektor (The_Chornicle_of_Hektor)
Dieses Gedicht hab ich gestern aus einer spontanen Laune geschrieben und ist gleichzeitig mein bestreben mich mit diesem Eingangswerk hier vorzustellen:
We build it
to gild it
We build it
to tilt it
We build it to burn it to the ground!
Donnerstag, 9. Juni 2011
Morgenrot (Prolog) (Martin)
Hallo,
hier nun der Anfang einer Kurzgeschichte, bei der ich im Moment in der Hälfte stecken geblieben bin. Wer daraus erraten kann, worum es geht, bekommt eine Packung Kekse ;)
Morgenrot (Prolog)
Eine staubige Straße, einsam im Nirgendwo, die Autos passieren schnell und ohne zu Fragen, wer anhält, ist schon verloren. Düster kriecht das letzte Sonnenlicht in sein finsteres Versteck, um der strahlenden Elektrizität der Straßenlampen und Leuchtreklamen Platz zu machen. Die Häuserblocks stehen dicht an dicht und tuscheln leise, tauschen den neuesten Tratsch aus. Einsame Seelen geistern durch die Straße, auf immerwährender Suche nach Sinn. Geräusche hört man wenig, das Vakuum aus Elend und Gleichgültigkeit scheint sie aufzusaugen. Die Fenster sind nicht verrammelt und doch laden sie nicht zum Weilen ein. „Geschlossen“ Schilder zieren die Eingangstüren der wenigen Geschäfte, Gewinn liegt nicht auf der Straße. Eine Maus huscht von Schatten zu Schatten, kaum sichtbar, stets im verborgenen. Sie nennt die Straße ihre Heimat, doch heimisch fühlt sich hier keine Seele. Der Abfall, selten genießbar, bildet eine doch magere Nahrungsgrundlage. Aufgeregt hebt die Maus ihre stoppelige Nase, als sie Schritte durch die Straße huschen hört. Kein Schleichen, kein Schlendern oder Schlürfen, ein fester, sicherer Tritt trudelt, nicht hastig und doch treibend, das Halblicht endlang. Erschrocken weicht sie den sauberen, schwarzen Schuhen, die so achtlos nach ihrem Leben trachten. Fasst so unscheinbar wie die Maus wandert der Mann von Lichtkegel zu Lichtkegel, seinen verborgenen Blick stets nach vorn gerichtet. Die Maus blickt ihm verwirrt nach, sein schwarzer Anzug lässt ihn fasst mit der Nacht verschmelzen und doch geht eine bedrohliche Präsenz von ihm aus. Abermals schnuppert der kleine Nager, hingerissen zwischen Angst und Neugierde, gestört von dieser merkwürdigen Gestalt. Instinkt weist ihm den rechten Weg, das Tierchen huscht unbeirrt seines Weges, möglichen unangenehmen Geschichten aus dem Weg gehend. Der Mann jedoch bleibt stehen, ein Gebäude betrachtend, das der selben Verfassung wie die restliche Straße ist. Fahles Licht dringt auf die Straße hinaus, dumpfe Geräusche wie gefiltert, unausgesprochene Warnung dem Fremden gegenüber. Schwach blinkt die Neonanzeige, die verdreckte Glasscheibe erlaubt einen verschwommenen Blick ins Innere. Gekritzel an der Türe verweist auf eine „Happy Hour“, doch ob man hier eine glückliche Stunde erleben kann, bleibt im Zweifel. Bereits zwölf Sekunden verweilt der Mann vor dem „Eden“, ehe er in der dreizehnten seine Hand ausstreckt und das Tor zu einer anderen Welt öffnet.
Martin
hier nun der Anfang einer Kurzgeschichte, bei der ich im Moment in der Hälfte stecken geblieben bin. Wer daraus erraten kann, worum es geht, bekommt eine Packung Kekse ;)
Morgenrot (Prolog)
Eine staubige Straße, einsam im Nirgendwo, die Autos passieren schnell und ohne zu Fragen, wer anhält, ist schon verloren. Düster kriecht das letzte Sonnenlicht in sein finsteres Versteck, um der strahlenden Elektrizität der Straßenlampen und Leuchtreklamen Platz zu machen. Die Häuserblocks stehen dicht an dicht und tuscheln leise, tauschen den neuesten Tratsch aus. Einsame Seelen geistern durch die Straße, auf immerwährender Suche nach Sinn. Geräusche hört man wenig, das Vakuum aus Elend und Gleichgültigkeit scheint sie aufzusaugen. Die Fenster sind nicht verrammelt und doch laden sie nicht zum Weilen ein. „Geschlossen“ Schilder zieren die Eingangstüren der wenigen Geschäfte, Gewinn liegt nicht auf der Straße. Eine Maus huscht von Schatten zu Schatten, kaum sichtbar, stets im verborgenen. Sie nennt die Straße ihre Heimat, doch heimisch fühlt sich hier keine Seele. Der Abfall, selten genießbar, bildet eine doch magere Nahrungsgrundlage. Aufgeregt hebt die Maus ihre stoppelige Nase, als sie Schritte durch die Straße huschen hört. Kein Schleichen, kein Schlendern oder Schlürfen, ein fester, sicherer Tritt trudelt, nicht hastig und doch treibend, das Halblicht endlang. Erschrocken weicht sie den sauberen, schwarzen Schuhen, die so achtlos nach ihrem Leben trachten. Fasst so unscheinbar wie die Maus wandert der Mann von Lichtkegel zu Lichtkegel, seinen verborgenen Blick stets nach vorn gerichtet. Die Maus blickt ihm verwirrt nach, sein schwarzer Anzug lässt ihn fasst mit der Nacht verschmelzen und doch geht eine bedrohliche Präsenz von ihm aus. Abermals schnuppert der kleine Nager, hingerissen zwischen Angst und Neugierde, gestört von dieser merkwürdigen Gestalt. Instinkt weist ihm den rechten Weg, das Tierchen huscht unbeirrt seines Weges, möglichen unangenehmen Geschichten aus dem Weg gehend. Der Mann jedoch bleibt stehen, ein Gebäude betrachtend, das der selben Verfassung wie die restliche Straße ist. Fahles Licht dringt auf die Straße hinaus, dumpfe Geräusche wie gefiltert, unausgesprochene Warnung dem Fremden gegenüber. Schwach blinkt die Neonanzeige, die verdreckte Glasscheibe erlaubt einen verschwommenen Blick ins Innere. Gekritzel an der Türe verweist auf eine „Happy Hour“, doch ob man hier eine glückliche Stunde erleben kann, bleibt im Zweifel. Bereits zwölf Sekunden verweilt der Mann vor dem „Eden“, ehe er in der dreizehnten seine Hand ausstreckt und das Tor zu einer anderen Welt öffnet.
Martin
Relaunch - Update (elmo)
So lang ist's her. Diese Blogsache ist nicht wirklich genau das richtige für mich aber ich habe beschlossen das noch einmal zu versuchen.
Die Sache mit dem Literaturupdate hat auch nicht geklappt, was aber auch an dem nie eingeschickten Video liegen könnte. Die Geschichte ist natürlich immer noch überragend und wird bei Zeiten auch noch hochgeladen.
Ich hab eine ganze Weile nichts mehr geschrieben, aber das hat sich nun geändert. Ich möchte wieder mehr Energie auf das ganze hier verwenden und habe sogar für harte Zeiten die Dave-Methode der Einstürzenden Neubauten das Erstellen eines literarischen Rahmens umgebastelt. (Und es funktioniert ... ich sag nur nicht genau wann ichs verwende.)
Außerdem werde ich jetzt hier von dem einen oder anderen alten Freund als Co-Autor unterstützt, da die selbst einiges schon geschrieben haben (und das nicht von minderer Qualität).
Als neue Eröffnung habe ich etwas altes und etwas neues dabei, zwei Gedichte. Das Alte für genau einen bestimmten ist ein Haiku und das Neue für beliebige zwei wurde als post-modern beschrieben. Letzteres hat auch schon seine Uraufführung mit The_Chornicle_of_Hektor auf dem Stustaculum 2011 hinter sich und war im engsten Kreise durchaus erfolgreich.
Und Überraschung ... sie ähneln sich thematisch doch sehr.
Also freut euch auf mehr ... oder auch nicht.
Die Sache mit dem Literaturupdate hat auch nicht geklappt, was aber auch an dem nie eingeschickten Video liegen könnte. Die Geschichte ist natürlich immer noch überragend und wird bei Zeiten auch noch hochgeladen.
Ich hab eine ganze Weile nichts mehr geschrieben, aber das hat sich nun geändert. Ich möchte wieder mehr Energie auf das ganze hier verwenden und habe sogar für harte Zeiten die Dave-Methode der Einstürzenden Neubauten das Erstellen eines literarischen Rahmens umgebastelt. (Und es funktioniert ... ich sag nur nicht genau wann ichs verwende.)
Außerdem werde ich jetzt hier von dem einen oder anderen alten Freund als Co-Autor unterstützt, da die selbst einiges schon geschrieben haben (und das nicht von minderer Qualität).
Als neue Eröffnung habe ich etwas altes und etwas neues dabei, zwei Gedichte. Das Alte für genau einen bestimmten ist ein Haiku und das Neue für beliebige zwei wurde als post-modern beschrieben. Letzteres hat auch schon seine Uraufführung mit The_Chornicle_of_Hektor auf dem Stustaculum 2011 hinter sich und war im engsten Kreise durchaus erfolgreich.
Kommandant Dada – Gedicht für zwei
Kommandant - dadaSchießt auf ein Kind - jahaKind fällt um - hurraDoch falsches Kind - nana
Kommandant - jahaReagiert - hurra„holt alle Kinder“ - oha„bindet sie nieder“ - ohaa
Kommandant - jajaIst völlig verrückt - ohjaMit Waffen bestückt - uhaKein Weg zurück - baba(4.6.2011)
Für Korbi
Kleines Kind, geh in Deckung
tust du‘s einmal nicht
und man schießt dir ins Gesicht.
(22.1.2008)
Und Überraschung ... sie ähneln sich thematisch doch sehr.
Also freut euch auf mehr ... oder auch nicht.
Dienstag, 8. Juni 2010
Literaturupdate 2010 - Bahnhof der Hoffnung (elmo)
Vor kurzem war es soweit: Die Anmeldefrist zum Literaturupdate ist rum und nun wird alles gesichtet und bewertet ... Ergebnisse gibts erst viel später, aber genau weil das noch so lange dauert, gibt es hier eine kleine Preview in der Form eines kleinen Videos dazu:
Donnerstag, 13. Mai 2010
Things to do in Jeru when you're dead (elmo)
Eine ältere Kurzgeschichte über den Preis des Lebens in einer fremden Welt ... und über einen Enge:
Download der ganzen Geschichte von gloria-defectus.de
Langsam hob er den Blick an die kahle weiße Wand und fing an sein nicht mehr weißes Hemd wieder zuzuknöpfen. Die Wand hatte kein angenehmes Weiß, nichts verhieß hier Hoffnung, nur Kälte. Hinter ihm hörte er die Tür surren und während jemand das Zimmer betrat, hörte er leise eine farblose Melodie, die genauso gefühlslos klang, wie er sich fühlte.Als der Neuankömmling blechern zu sprechen begann, drehte er sich auf dem Stuhl um und sah dem Gegenüber stumm und ausdruckslos ins Gesicht. Er hörte nur zu und als alles gesagt war, stand er ruhig auf und schritt durch die Tür hinaus. Eine Woche noch, keinen Tag länger.Er war alleine auf dem Gang und doch bot man ihm durch ungesehene Lautsprecher hindurch an, seine HealthCare-Klasse für einen Sonderpreis zu erhöhen; seine aktuelle Stufe unterstütze keine weiteren nötigen Schritte, nicht einmal eine Beerdigung. Dennoch schritt er unverändert weiter auf den Ausgang zu.Draußen roch es nach Desinfektionsmittel und die Straßen waren fast leer. Nur hier und da lag etwas Müll, der genauso wie seine Umgebung weiß war. In seine schmutzigen Klamotten war er auf groteske Art zwischen diesen weißen Mauern zu einem „Farbklecks“ geworden. Als er weiter den Ausgangsschildern folgte überkam ihn der Gedanke, dass es wohl wieder sehr lange dauern würde bis sich wieder jemand durch das Labyrinth des medizinischen Sektors hindurchbewegen würde. Warum auch? Dank des EternalGenesis-Projekts konnte jeder, der wollte, sich unsterblich machen lassen und das ganz umsonst; und jeder der das nicht wollte, hatte sowieso kein Geld für eine Arzt. Selbst in den Slums von Jeru wurden in den Bordellen und Bars nur noch „Ewige“ eingestellt.Nach einiger Suche fand er noch eine Automaten, der nicht nur funktioniert, sondern viel wichtiger auch noch Bargeld annahm. Er kaufte sich ein Ticket für die Bahn, die alle Sektoren ringförmig anfuhr. Unter den verächtlichen Blicken der „Ewigen“ stieg er ein und verzog sich in eine Ecke. Ein Mensch war ein seltener und unbeliebter Anblick. Man musste nicht erst durch seine ungewaschenen langen Haare hindurch sehen um zu erkennen, dass das „EG“-Tattoo auf seiner Stirn fehlte. Ein Tattoo, das mittlerweise mehr als 98% der Bevölkerung Jerus zierte. Aber die Blicke waren ihm egal, erst recht als ihn wieder ein Hustenanfall fast zu Boden warf und alle Zweifel über ihn bereinigte. „Ewige“ haben nicht einmal Schluckauf.In den Slums angekommen wanderte er etwa eine Stunde lang durch die dreckigen und stinkenden, teilweise durch den Müll sehr engen Gassen bis er endlich zu stehen kam. Warum sollte man denn auch den Müll wegräumen? In den reichen Sektoren sicherlich aus ästhetischen Gründen, aber auch in den Slums gab es fast nur noch „Ewige“, sodass ein möglicher Krankheitsausbruch den meisten nur gerecht gekommen wäre.Endlich schloss sich die Tür hinter ihm. Er ging noch ein paar Schritte und ließ sich dann einfach in einen seiner Sitzsäcke fallen. Der Lärm. Er viel ihm erst auf, wenn er endlich einmal verschwand. Hier drinnen war es angenehm und schon fast erschreckend ruhig. Draußen jedoch hörte er sein eigenes Wort noch kaum; aber das ging nicht einmal 2% der Bevölkerung so. Langsam und als habe er viele Tonnen zu tragen erhob er sich wieder und drückte auf eine Knopf an der Wand. Mit leisem Brummen kündigte der uralte SuperAir 2700 die Wiederaufnahme seiner Arbeit wieder an. Er wartete noch 5 Minuten und holte dann zum ersten mal wieder seit dem Morgen tief Luft.Langsam öffnete er wieder seine Augen und als er wieder scharf sehen konnte, blickte er an die Decke. Der uralte Stadtplan von „New New York“ über seinem Bett war das einzige greifbare, was sein Vater ihm vor viel zu langer Zeit überlassen hatte. Der Stadtplan war noch aus echtem Papier und eine Ehrung für den letzten Bürgermeister dieser schon lang untergegangenen Stadt. Aber für ihn war es ein Mahnmal. Eines, das ihn an die Taten und das Leben seines Vaters erinnerte. Wie dieser versucht hatte die Welt zu verbessern, mit den Wissenschaftlern des EternalGenesis- und des HumanDeForm-Projekts und den anderen Bürgermeistern. Wie er mit seiner Überredenskunst NNY zu ersten komplett „ewigen“ Stadt gemacht hatte. Und wie er hatte sie brennen sehen müssen, das Leid in den Gesichtern auf deren Stirn sich ein Tattoo befand. Wie er hatte nach Jeru fliehen müssen mit all den anderen, die nun hier existierten. Und auch wie er sich am Ende gegen das ewige Leben entschieden hatte und sich freiwillig ein Ende gesetzt hatte. Doch vorher klonte er sich selbst, einen Sohn um das Leid der Welt zu tragen und mit genug Wissen um sich dem Tod nicht zu entziehen. Das einzig ewige an ihm war sein Gedächtnis. Einer der wenigen, die wussten, dass man auch die Unsterblichkeit nicht umsonst bekam. Er schlief wieder ein. Protest hätte nichts genutzt.Als er wieder erwachte und auf die Uhr sah, musste er schmerzlich feststellen, dass er tatsächlich seit 2 Tagen nichts mehr gegessen hatte. Sein ganzer Körper zitterte schon leicht. Er musste also wieder hinaus. Nachdem er durch die Drucktür hindurch geschritten war, brannte ihm das ewig gleiche Licht wieder einmal fast die Augen aus dem Kopf. Er würde sich nie daran gewöhnen … aber das musste er ja auch nicht mehr. Solange er nur grelle Schemen erkennen konnte tastete er sich langsam am Geländer entlang die lange Wendeltreppe auf die Straßen hinunter. Unten angekommen konnte er auch schon wieder viel mehr sehen.Er zeigte erst auf den großen Trog und dann auf seine Hand. Der Verkäufer verstand, öffnete ihm den Deckel und ließ ihn gewähren. Sicher eine Sache, die er nie vermissen würde: Synthetisches Fleisch, angereichert mit allem wichtigen Zusätzen, die man sich nur ausdenken konnte, und dennoch ohne Geschmack. Er ließ das vorher abgezählte Geld zurück und widmete sich seiner Mahlzeit. Langsam versenkte er sein Gesicht in seiner großen Hand und ließ schmatzende Geräusche erklingen. Das zähe Kunstfleisch hatte er schon früher nie richtig beißen können, aber in seinem jetzigen Zustand musste er wohl oder übel alles auf einmal hinunterschlingen. Als er fertig war wischte er sich die Hand an seiner Hose ab und drehte den allen Essensständen den Rücken zu.Er brauchte unbedingt mehr Schlaf, aber die Käfer ließen ihm keine Ruhe. Überall krabbelten sie umher und schwirrten durch die Luft. Dennoch brachte er es nicht über sich, sie alle zu töten. Waren sie doch das einzige echte Tierleben, das noch übrig war. Wie hätte er es verantworten sollen? Er versuchte erfolglos wieder einzuschlafen. Es half nichts. Dann konnte er auch gleich etwas trinken gehen. Ein letztes mal … oder vielleicht ein vorletztes mal.Das Problem bei der freien Wahl der Prozentzahl war, dass man es zu leicht übertreiben konnte. Er selbst wusste, dass er nicht mehr als 6 Drinks mit mehr als 45% trinken sollte, aber viele der „Ewigen“ kannten ihre Grenzen nicht. Aber warum auch? Sobald ihr Körper zerfressen war von all den konsumierten Substanzen, würde er wieder erneuert werden, natürlich „umsonst“. So wie alles ganz „umsonst“ ersetzt wurde. Auf einmal hörte er hinter sich eine großen Knall und das Zerbrechen von Tischen. Obwohl er sich sehr langsam umdrehte, war er die schnellste Person in der Bar. Alles war wie eingefroren, selbst die Musik war verstummt. Man hatte die „Ewigen“ wieder angehalten. Er nahm seinen Drink und schritt langsam auf den „Ewigen“ zu, der sich beim Sturz aus einem der Balkone dieser mehrstöckigen Bar den Kopf zermalmt hatte. Traurig betrachtete er, wie unter den Knochenstücken kein Gehirn, sondern nur ein großer blutiger Chip zum Vorschein kam. Ein Chip mit der Aufschrift „EG“, ein Chip als Preis. Zu oft hatte er das traurige Spiel schon miterlebt. Er hatte noch ca. 10 Minuten bis die Aufräumarbeit beginnen würde. Während rings um ihn die Erinnerungen an einen „Ewigen“, der vielleicht sogar eine Familie hatte, gelöscht wurden, trank er aus und verließ die Bar.Das mit dem Schlaf klappte wohl leider nicht mehr so richtig. Vielleicht weigerte sich sein Körper die letzten Tage so unnütz zu vertun. Er erhob sich und ging zu dem Zeit- und Datumsdisplay an der Wand. Die Jahresanzeige hatte er schon vor langem zerschlagen, heute folgte die Uhrzeit. Noch 3 Tage. Da braucht er keine Uhrzeit mehr, er wollte keine mehr. Und bei dem ewig gleichen Wetter- und Lichtverhältnissen hätte er sowieso nicht gemerkt, wenn die Uhrzeit nicht gestimmt hätte. Plötzlich rannte er auf das Klo und kam dem Bedürfnis wieder einmal Blut zu kotzen nach. Es fühlte sich keinesfalls noch wie 3 Tage an. Er wusch sich sein Gesicht und blickte in die Reste die von seinem Spiegel übriggeblieben waren. Schnell wandte er sich wieder ab. Er musste hier raus.Es waren sicher schon mehrere Stunden die er ohne Ziel durch die Slums streifte, das sagten zumindest seine Beine. Er suchte eine Stelle an der man die Wand noch berühren konnte und lehnte sich dort dagegen. Vielleicht konnte er ja hier etwas ruhen. Die Zeit verging, wie immer. Ein Gefühl das die „Ewigen“ gar nicht mehr kannten.Ein Schrei, der durch die Gassen raste, weckte ihn. Noch einer riss ihn endgültig hoch. Es waren nicht wirklich Schreie. Mehr eine Mischung aus Quieken und Schreien. HumanDeForm. Er richtete sich auf und folgte der Quelle des Lärms. Eine Woche … da siegte auf alle Fälle die Neugier. Doch was er hinter der letzten Biegung sah, hielt er nicht für möglich. Mehr noch als das immer gleiche Licht, das vom immer gleichen Himmel herab in diese Gassen nur spärlich hinunterreichte, in vollster Kraft blendete ihn diese Erscheinung. Die Luft war erfüllt von strahlend weißen Federn, die lustig vor sich hin tanzten. Doch das war das einzige was dem Bild, das sich ihm bot, etwas positives gab. Zwischen all den Federn zerrten zwei krankhaft zuckende Gestalten mit aller Gewalt eine engelsgleiche Gestalt aus einem aufgebrochenen Käfig hervor, während sich daneben am Boden uniformierte Leichen in einander gestückelt ausbluteten. Und jede Feder, die zu Boden sank, wurde blutig rot und blieb in ihrem Elend am Boden kleben. Die zwei Räuber bemerkten ihn gar nicht und als sie es doch taten, war es für sie schon lang zu spät. Reden hätte sowieso nichts mehr genützt. Sein Körper bewegte sich sogar noch flüssiger, als er es selbst erwartet hatte. So wie in den Tagen als er noch gesund war. Dumpf schlugen zwei weitere Körper auf dem zuerst dreckigen und nun blutüberströmten Boden auf. Keuchend stand er auf seine Oberschenkel gestützt zwischen den Fliegenden federn, während sich die Lumpen, die er als Schuhersatz trug mit Blut vollsaugten. Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, wandte er sich dem bewusstlosen Engel zu.Er hatte sie mitgenommen … was hatte er sich dabei nur gedacht? Nein, er hatte gar nicht gedacht, er hatte instinktiv gehandelt. Und das hatte er nun davon. Einen kleinen Engel. Behutsam legte er das Wesen auf den Boden und rollte es aus den schmutzigen Laken und Stofffetzen aus, die er als Sichtschutz benützt hatte. Immer noch bewusstlos. Vorsichtig untersuchte er den kleinen weißen Körper nach Verletzungen, doch er konnte nichts aus ein paar Schürfwunden und einer etwas größeren Wunde an der Hand entdecken. Er reinigte alles und verband die Hand. Wie konnten die Wissenschaftler von damals sich überhaupt noch im Spiegel anschauen. Der Mensch und seine Gene waren keine Spielzeuge. Doch man musste wohl auch immer alles tun, wenn man es konnte. So brachte das HumanDeForm-Projekt immer mehr Gestalten hervor, die von der Natur nie so gewünscht waren. Menschen, die sich so verändern ließen bis sie keine mehr waren. Aber das eigentliche Verbrechen waren die kompletten Neukreationen. Ohne Würde, nur geschaffen für einen Zweck. Und nun lag eine dieser neugeschaffenen Kreaturen vor ihm. Das Grundgerüst war das eines kleine maximal 13-jährigen Mädchens, doch auf dieses Fundament darauf war die alte Vorstellung eines Engels erbaut worden. Weiße Haut und blondes Haar; zwei große Flügel, voll von weißen Federn; ein zärtliches Gesicht und androgyne Gliedmaßen, nur die kleinen Brüste und der Beckenbereich ließen einen das Fundament erahnen. Er bettete das Wesen in einem der Sitzsäcke, deckte es mit einem relativ frischem Handtuch zu und legte ich selbst schwer erschöpft schlafen.Als er wieder erwachte, leuchtete ihm auf der Anzeige rot sein letzter Tag entgegen. Alles tat ihm weh. Der Vortag war wohl mehr als überstrapazierend gewesen für seinen geschundenen Körper. Der Versuch nach dem Engel zu sehen endete in erstickten Schmerzensschreien. Er ließ sich wieder zurückfallen und schlief, ohne weiter über etwas nachzudenken, gleich wieder ein.Als er wieder erwachte konnte er seinen Augen nicht trauen. Wie konnte sich die Medizin auf dem Stand den sie jetzt hatte überhaupt irren? Er lebte noch. Weil er der Sache jedoch nicht ganz traute, blickt er sich vorsichtig mit leicht erhobenem Kopf um. An seiner Bettkante saß jemand im Schatten, doch die Flügel zeichneten sich auch im Dunkeln so ab, dass kein Zweifel daran bestand, wer an seinem Bett saß. Als er zu reden versuchte, merkte er, dass sein Hals komplett ausgetrocknet war und er außer leichtem Röcheln nichts herausbrachte. Langsam und immer noch unter Schmerzen richtete er sich auf, ohne jedoch den Blick von dem Engel zu lassen. Obwohl das Wesen sehr ruhig da saß, konnte er leichte Bewegungen ausmachen. Die Flügel zuckten leicht, als er nach ihnen langte, aber der Engel blieb sitzen. Aber nun viel ihm etwas auf, sein Bettlaken war ungewöhnlich schmutzig, und als er es gerade anfing die kleinen Flecken zu suchen untersuchen, berührte ihn kurz eine Hand am Arm. Er sah noch schnell die Hand, mit dem alten blutigen Verband, im Schatten verschwinden. Er sah hoch an der weißen Gestalt, die nun vor ihm stand. Das schöne Gesicht lag vollkommen im Schatten, doch im Dunkeln schienen silbernen Augen pulsierend zu leuchten. Der Engel streckte ihm seine offenen Handflächen entgegen. Ihm blieb das Herz fast stehen, als die Handflächen aus dem Schatten hervortraten, und ihm wurde schlagartig sehr kalt. Der Engel streckte ihm zwei Hände voll zerquetschter Käfer entgegen.
2.7.2008
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